Klabautermann trifft Kinder auf einer Schatzsuche

Nur Kinder können ihn sehen – oder aber Seeleute, deren letztes Stündlein geschlagen hat.

Trotzdem können Sie sich hier, dank der Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnik, ein umfassendes Bild vom Wesen und Wirken des Klabautermanns machen.

Diese Seite bietet Informationen über den Klabautermann als Sagengestalt, über seinen Werdegang vom Schiffskobold und Schutzgeist der Seefahrer zum Kinderanimateur und über seine Bedeutung für die Wissenschaft.

Falls Sie eher nach Kinderprogrammen, Abenteuern und konkreten Angeboten des Klabautermanns suchen, finden Sie diese unter Spielaktionen & Kinderprogramme.

Inhaltsübersicht

  1. SteckbriefKurze Beschreibung des Klabautermanns und seines Werdegangs vom Schiffsgeist zum Kinderanimateur
  2. Herbeirufung des KlabautermannsBeschwörungsformeln für alle, die sich einmal in Magie versuchen wollen
  3. Schätze im Besitz des KlabautermannsHochinteressante Fakten für alle Fans von Gold, Perlen und Edelsteinen
  1. LebenslaufAusführlicher Lebenslauf des Klabautermanns nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Klabautermannkunde
  2. Die wissenschaftliche KlabautermannkundeEine kurze, beinahe auch für Kinder verständliche Einführung
  3. LiteraturverzeichnisDer Klabautermann in Seemannsglauben, Volkssage, Dichtung und Kinderbuch (kleine Auswahl)

Steckbrief

Portrait Klabautermann mit Muschel

Um den Klabautermann herbeizurufen, benötigt man ein wenig Talent auf dem Gebiet der Magie und eine magische Beschwörungsformel, also einen bestimmten Spruch, mit dem man ihn zum leibhaftigen Erscheinen zwingen kann.

Der Klabautermann ist nämlich kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern ein Geist, eine Spukgestalt, ein Kobold, und demzufolge gehorcht er bestimmten Koboldgesetzen. Wer diese kennt und sich zunutze macht, kann jeden Geist nach seiner Pfeife tanzen lassen.

(Die folgenden Anleitungen gelten freilich nur für Kinder. Erwachsene haben leider keine Chance, denn sie können den Klabautermann sowieso nicht sehen. Außerdem funktioniert es bei ihnen, wie die meisten Dinge im Erwachsenenleben, nur mit Geld. Statt den Klabautermann auf dem Wege der Magie zu beschwören, können sie ihn immerhin zu moderaten Preisen engagieren).

Ganz so einfach ist das Geisterbeschwören natürlich nicht. Es klappt nicht immer, schon gar nicht gleich beim ersten Mal. Eigentlich geht es nur bei Vollmond, in sternklaren Nächten, wenn der Wind vom Meer her weht, und wenn man dabei, möglichst barfuß und mit grün lackierten Zehnägeln, in der Nähe einer alten, knorrigen Eiche steht. Auch braucht man ganz bestimmte Muscheln und Seesterne, aus denen man zwischen den düsteren Schatten der Eichenäste ein magisches Pentagramm legt, ohne selbst hineinzutreten. Hierin wird der Klabautermann gebannt.

Natürlich darf man die Beschwörungsformel weder zu laut noch zu leise sprechen, und weder von Auto- oder Flugzeuglärm noch von Krähen oder Käuzchen oder Handyklingeltönen oder schreienden Babys unterbrochen werden.

Klingt kompliziert? Wer will, kann es ja trotzdem mal versuchen. Hier sind vier Beschwörungsformeln zum Ausprobieren:

1.

Sehr günstig ist es, wenn sich maximal elf Klafter entfernt von dem Eichenschatten, den man als Ort der magischen Beschwörung gewählt hat, eine grüne, schmiedeeiserne Pumpe befindet, wie sie in Berlins Straßen und Parks häufig anzutreffen sind. Wenn das der Fall ist, benutzt man am besten diesen Spruch:

„Klabautermann, du alter Lump,
Komm her zu dieser grünen Pump!“

Das Ganze muss man entweder dreimal oder elfmal wiederholen und anschließend elfmal (nach dreimaligem Rufen) oder dreimal (nach elfmaligem Rufen) den Pumpenschwengel betätigen, bis der Klabautermann unversehens aus dem kühlen Nass des Wasserstrahls emporsteigt und in den Bannkreis hineingezogen wird.

2.

Hat man ein Schälchen Milch zur Verfügung, dann kann man dieses an einem der fünf Zacken des magischen Pentagramms aufstellen und rufen:

„Klabautermann, Klabauterknilch,
komm her und schlabber deine Milch!“

Noch besser klappt es womöglich mit einem Milcheis am Stiel, mit oder ohne Schokoladenkruste. Das legt man, natürlich ohne Verpackung, auf einen Teller, stellt ihn ebenso wie die Milch in den magischen Kreis und ändert den Spruch ein klein wenig ab:

„Klabautermann, Klabauterschnuckel,
komm her, ich hab für dich ’nen Nuckel!“

Der Klabautermann ist ein Leckermaul und wird sich, wenn er nicht gerade etwas anderes zu tun hat, nicht lange bitten lassen.

3.

Eine gute Erfolgschance hat man auch, wenn man entweder drei oder elf alte Schiffslaternen auftreiben kann. Diese zündet man an und stellt sie in drei bis elf Schritt Entfernung voneinander, in einer exakt parallel zur Milchstraße, quer über den Eichenschatten verlaufenden Linie auf. Dann provoziert man den Klabautermann, indem man ruft (nicht erschrecken, es ist ein sehr unflätiger Spruch!):

„Klabauter, du lauter,
versuchs doch, du Pupsloch,
du Rotbarschbulette,
du Rotbart, ich wette,
du wirst es nicht schaffen,
mit Pusten und Paffen,
mit Husten und Prusten
mein Licht auszupusten!“

Der Klabautermann wird daraufhin sicher zeigen wollen, wie gut er bei Puste ist. Aber Achtung!
Es könnte passieren, dass er zu dem Kind, das ihn so herbeigelockt hat, erst einmal ziemlich unfreundlich ist. Wer wäre das nicht, nachdem ihn jemand mit so frechen, respektlosen Worten angesprochen hat!

4.

Nur für eingeweihte, erfahrene Magier, die mindestens elf Jahre alt sind, einen echten Zauberermantel mit weiten Ärmeln besitzen und noch dazu keine Angst vor Quallen haben, gibt es noch diese sehr komplizierte, aber auch besonders wirksame Beschwörungsformel:

„Hokus Pokus Fidibus,
Neptun, Nereus, Nautilus,
Holter Polter Spiritus,
Glibberquallen-Tortenguss.
Lirum Larum, Warum? Darum!
Karavellum Kalamarum,

Lari Fari, Schifflein, fahre,
Mare, maris, mari, mare,
Non scholae sed vitae discimus
Klabauta nauta primus,
Karausche, Karnickel, Klavier,
Klabautermann, zeige dich mir!“

Dabei muss man am Meeresstrand stehen, im Idealfall unterhalb einer eichenbewachsenen Steilküste, und dort seinen magischen Muschelkreis in den Sand gelegt haben. Zusätzlich muss man elf tote Quallen in den weiten Ärmeln des Zauberermantels verstauen und diese im Rhythmus der Worte „Lirum Larum, Warum? Darum!“ (Quallen 1-4); „Mare, maris, mari, mare“ (Quallen 5-8) sowie „Karausche, Karnickel, Klavier“ (Quallen 9-11) einzeln hinaus ins Meer schleudern. Außerdem darf man sich natürlich bei dem ganzen Zauberspruch kein einziges Mal versprechen!

Schätze

im Besitz
des Klabautermanns

Schatztruhe

Das Leben des Klabautermanns zu erforschen ist kein leichtes Unterfangen, reicht doch sein mythisches Wandeln und Wirken Jahrtausende in die Vergangenheit zurück. Bei so einer langen Lebensspanne ist es klar, dass auch der Klabautermann selbst allenfalls Bruchstücke seiner Biographie aus dem Gedächtnis rekonstruieren kann.

Der hier wiedergegebene Lebenslauf orientiert sich am aktuellen Forschungsstand, das heißt, er verknüpft die wenigen Fakten, die aus den lückenhaften und unzuverlässigen Quellen klar hervorgehen, mit den teilweise recht kühnen Hypothesen der wissenschaftlichen Klabautermannkunde zu einem biographischen Puzzle, das sicher an vielen Punkten einer von gewissenhaften Klabautermannforschern erst noch zu leistenden Überprüfung und Revision bedarf.

Einordnung innerhalb
des Reiches der Geister

Ein Kobold oder Zwerg

Die Begründer der wissenschaftlichen Klabautermannkunde, Professor Mingau und Dr. Kienspan, stellen diese Zuordnung zu den Kobolden keinesfalls in Frage. Es gelang ihnen jedoch, die Lebensgeschichte des Klabautermanns über jene Epoche hinaus zu verfolgen, in der ein auf germanischer Mythologie beruhender Volksaberglaube lebendig war, und zwar einerseits bis in die Gegenwart, und andererseits weiter zurück bis in die Antike.

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Altertum:
Ein keltischer Gott

Bronzestatue Sucellus

Bronzestatue des Sucellus im Musée nationale d'archéologie, Saint-Germain-en-Laye
Foto: PHGCOM [Public domain]
Quelle: Wikimedia Commons

Am Ende seiner langen Wanderfahrt, wahrscheinlich um das Jahr 1111, gelangte er an die Ostsee, in einen Wald unweit der Weichselmündung und der Stadt Gedanum oder Gyddanze, dem späteren Danzig. Dort soll er dann in den Stamm einer Eiche eingefahren sein, um mit ihr „ein Holz“ zu werden und die Leiden eines Baumlebens am eigenen Leib zu erfahren (christlich beeinflusste Version), oder aber er verwandelte sich in einen ganzen Wald bzw. wurde zum Geist dieses Waldes (schiffsbautechnisch realistischere Version).

Dazu muss erklärend angemerkt werden, dass Sucellus als Waldgott von jeher in engem Zusammenhang mit Bäumen und Holz stand, und wenn seine Mutter eine Dryade war, so erscheint es durchaus plausibel, dass er von ihr auch die Fähigkeit zur Metamorphose von Menschen- in Baumgestalt geerbt haben könnte. (Die Dryaden und andere Nymphen setzten diese Fähigkeit gewöhnlich ein, um den sexuellen Übergriffen olympischer Götter wie Apollon, Hermes oder Zeus zu entkommen, wie man es beispielsweise in der Geschichte von Phoebus und Daphne im 1. Buch der Metamorphosen des Ovid nachlesen kann).

Seit dem Hochmittelalter, der Blütezeit der Hanse, taucht nun die Figur des Klabautermanns in den Sagen verschiedener Regionen entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste auf. Stets wird er in enger Verbindung mit dem Schiff, auf dem er sich aufhält, speziell mit dem Holz dieses Schiffes, dargestellt.

Nach baltischen und ostpreußischen Versionen der Sage ist der Klabautermann die Verkörperung der Seele eines toten Kindes, das im Bauholz des Schiffes steckt – möglicherweise eines Kindes, das durch einen Spalt in Eichen gesteckt wurde, um einen gebrochenen Arm oder ein gebrochenes Bein zu heilen, und dann darin stecken blieb, oder eines ungetauft gestorbenen Kindes, das unter einem Baum begraben wurde. Nach anderen Quellen kann es sich auch um die Seele eines Menschen handeln, der vom Baum erschlagen wurde oder sich daran erhängt hat.

Eine mehr patriarchalisch orientierte Version behauptet wiederum, der Geist des Schiffsbaumeisters sei durch ein bestimmtes Ritual in das Schiffsholz gelangt, und wache dann, wenn das Schiff auf hoher See sei, als Schutzgeist und Klabautermann über die Seeleute.

Der wahre Kern all dieser mythischen Überlieferungen besteht offenbar in der engen Verklammerung von Klabautermann und Schiffsbauholz, die in Wirklichkeit in der Holz- oder Waldwerdung des Sucellus ihren Ursprung hat. Es ist das Verdienst der wissenschaftlichen Klabautermannkunde, mit ihrer Theorie der zwei Metamorphosen erstmals eine einleuchtende Erklärung für diese in den Sagen überlieferten Zusammenhänge auf der Grundlage historischer Fakten geliefert zu haben.

↑ Kapitelübersicht zum Lebenslauf

Die zweite Metamorphose:
Wiedergeburt in Koboldgestalt

Klabautermanngeburt aus Schiffsplankenholz: Collage 1

Wie ging nun der Akt der Wiedergeburt des Sucellus als Klabautermann aus dem Holz eines Schiffes konkret vonstatten? Es lässt sich leicht vorstellen, dass der schaukelnden Bewegung des Schiffes auf den Meereswellen die Funktion von Wehen zukam, jedenfalls schaukelt der Klabautermann auch heute noch für sein Leben gern.

Sobald ein Schiff auf hoher See war und schön schaukelte, kroch der Klabautermann irgendwo im Laderaum aus dem Holz einer Planke oder eines Spants. Dabei nahm er eine seinem heutigen Aussehen offenbar recht ähnliche Koboldgestalt an, die uns in zahlreichen – allerdings nicht in allen Punkten übereinstimmenden – Beschreibungen und Abbildungen überliefert ist. Auf einen besonderen Begleiteffekt dieses Geburtsaktes, wie etwa das Auflodern einer Flamme, wenn ein Flaschengeist aus seiner Flasche herausfährt, gibt es keinerlei Hinweis.

Klabautermanngeburt aus Schiffsplankenholz: Collage 3

Wie dem auch sei: wenn der Klabautermann einmal auf einem Schiff zu leiblicher Existenz gelangt war, richtete er sich auch gleich häuslich ein und trat mit der Schiffsmannschaft in Kontakt.

Vermutlich war er für die Seefahrer des Mittelalters noch weitestgehend sichtbar und lebte mit ihnen in einer mehr oder weniger gleichberechtigten Gemeinschaft zusammen. Seine Unsichtbarkeit für Erwachsene bildete sich erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte allmählich heraus.

Selbst für den sichtbaren Klabautermann scheint es jedoch typisch gewesen zu sein, dass er sich den Matrosen mit besonderer Vorliebe durch Poltern bemerkbar machte. Es heißt auch, dass er nachts allerlei nützliche Arbeiten verrichtete: er stopfte Löcher im Schiffsrumpf (unter Verwendung des Kalfaterhammers), flickte Segel und Kleider, reparierte Töpfe und Werkzeug, oder staute die Ladung nach. Dabei polterte und lärmte er oft so laut herum, dass die Seeleute nicht schlafen konnten, besonders, wenn diese ihn am Tag zuvor geärgert hatten.

Auch soll er sich mit (wohl überwiegend im unsichtbaren Modus ausgeteilten) Püffen und Kniffen an denjenigen Matrosen gerächt haben, die ihn alle Arbeit allein tun lassen wollten und selbst auf der faulen Haut lagen.

Ob er mit einigen Kapitänen persönliche Unterhaltungen über Gott und die Welt führte – der Klabautermann selbst glaubt, sich daran zu erinnern – unterliegt gewissen Zweifeln. (Man muss hier sowohl auf klabautermännischer Seite als auch in den Kapitänsmemoiren, die von solchen Gesprächen berichten, mit einem hohen Anteil an „Seemannsgarn“ rechnen).

Auf jeden Fall führte er auf den meisten Schiffen ein gutes Leben. Die Seemänner wussten, dass er ihr Schiff vor Brand, Strandung und anderen Gefahren behütete. Solange der Klabautermann an Bord war, konnte das Schiff nicht sinken. Daher behandelten sie ihn stets gut und stellten bei allen Mahlzeiten einen Extra-Teller für ihn auf, auf dem ihm von allem das Beste serviert wurde. (Er war als Feinschmecker bekannt und als ehemaliger Gott daran gewöhnt, Opfergaben entgegen zu nehmen). Besondere Mühen verwandte der Schiffskoch darauf, so lange wie möglich Milch für ihn vorrätig zu halten, die er sich am liebsten in mehreren kleinen Schälchen, überall auf dem Schiff verteilt, servieren ließ. Auch gelangten im Laufe der Jahrhunderte, wie schon erwähnt, unzählige Schätze in den Besitz des Klabautermanns.

Während der gesamten Epoche der Segelschifffahrt reiste der Klabautermann auf diese Weise über die Weltmeere, in glücklicher Vereinigung mit der Besatzung seines jeweiligen Schiffes, das er nur verließ, wenn es unterging. Von einem bestimmten historischen Augenblick an, war das dann auch der einzige Moment, in dem er für die Schiffsmannschaft sichtbar wurde.

So berichtet Heinrich Heine 1826 von seiner Reise auf die Insel Norderney (erschienen im 2. Teil der Reisebilder), was ihm der „wackere Steuermann“ seines Schiffes vom Klabautermann zu erzählen wusste:

„Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur Antwort: nein, nein, man sähe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. (...) wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze er sich auf das Steuer, zeige sich da zum erstenmal und verschwinde, indem er das Steuer zerbräche“.

Das Phänomen der Unsichtbarkeit des Klabautermanns für Erwachsene muss spätestens zu diesem Zeitpunkt also fest in der Alltagserfahrung der Seeleute verankert gewesen sein; wahrscheinlich hat es sich sogar schon viel früher, mit dem allmählichen Schwinden (oder, wie Prof. Mingau und Dr. Kienspan präzisieren würden, der zunehmenden Psychologisierung und Fiktionalisierung) des so genannten Aberglaubens herausgebildet, und hatte bereits im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, sein endgültiges Stadium erreicht. Die Verbindung zwischen dem plötzlichen – der generellen Regel widersprechenden – Anblick des Klabautermanns mit dem bevorstehenden Tod des betreffenden Seemanns oder dem Untergang des Schiffs findet sich in mehreren weiteren Quellen wieder, unter anderem in der 1888 von P.G. Heims herausgegebenen Sammlung Seespuk. Aberglauben, Märchen und Schnurren.

↑ Kapitelübersicht zum Lebenslauf

Der Klabautermann
verlässt das Meer

Kind mit Matrosenanzug

Porträt eines kleinen Jungen im Matrosenanzug
Gemälde um 1900 (Anonym, signiert "Kra") [Public domain]
Quelle: Wikimedia Commons

„Klabautermann
Klabauterfrau,
Klabauterkind
im Schiffe sind.
Die Küchenfei
erblickt die drei.
Sie schreit: O Graus,
das Stück ist aus!
Den Pudel Pax -
den Kaufmann Sachs -
sie alle frißt
der Meerschoßdachs.
Klabautermann,
Klabauterfrau,
Klabauterkind
wo anders sind“.

Vielleicht ist nun der Eindruck entstanden, man müsse die hier skizzierte Entwicklung als dekadent ansehen und den „Verlust der Seetauglichkeit“ des Klabautermanns in jeder Hinsicht bedauern. Der Klabautermann selbst empfindet seine Neuorientierung der letzten 111 Jahre allerdings ganz und gar nicht als negativ.

Seinem geselligen Wesen gemäß, passte er sich ohne jedes Ressentiment dem Universum der kindlichen Phantasie an, in dem er nun heimisch wurde, und das sich ihm im Vergleich zur Welt der Seefahrer sogar als überaus erfrischendes, inspirierendes Umfeld darstellte, in dem er seine dem Spiel, dem Lärm und dem Schabernack zugeneigten Koboldqualitäten freier und vielseitiger als je zuvor entfalten konnte.

Die „Kinderversion“ des Klabautermanns war von Anfang an alles andere als ein billiger Abklatsch eines „authentischen“ maritimen Originals. Auf Grund der besonderen Seelenverwandtschaft zwischen ihm und den Menschenkindern, die sich ja allein schon daran zeigt, dass Kinder ihn ohne jede Vorbedingung jederzeit sehen können, geht der Klabautermann bis zum heutigen Tag voll und ganz in seiner Rolle als Abenteuererfinder, Phantasiereiseleiter, Flaschenpostautor, Krachkapellendirigent, charmanter Unterhalter, Spielgefährte, Maskottchen und geheimer Verbündeter der Kinder auf, oder, um es ein wenig pathetisch zu sagen: gerade in dieser Rolle entdeckte er, nach jahrhunderte-, ja jahrtausendelanger Wanderfahrt als keltischer Gott, pommerellischer Baum, Schiffsgeist, Kobold und Sagengestalt, endlich seine wahre Berufung.

Klabautermann auf seinem Lieblinsplatz mit Piratenkindern

Aus der Perspektive der wissenschaftlichen Klabautermannkunde bildet die „gleichberechtigte Kommunikation“, wie sie sich im Umgang des Klabautermanns mit Kindern spielerisch herausgebildet hat, übrigens sogar die Keimzelle einer historisch neuen Stufe der Beziehung zwischen Geistern und Menschen. So schreiben Prof. Mingau und Dr. Kienspan in ihren Grundrissen einer Theorie des Polterns (zitiert aus dem unveröffentlichten Manuskript):

„Mit dem Absterben des seemännischen Volksglaubens und dem Bedeutungsverlust des Holzes als Schiffsbaumaterial scheint es besiegelt, dass auch der Klabautermann für den Menschen in Bedeutungslosigkeit versinkt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Kinderaugen sehen den Klabautermann – und sie sehen ihn richtig. Weder als Schreckgespenst sehen sie ihn, das man aus lauter Angst lieber nicht genauer betrachtet, noch auch als gütigen Schutzgeist, von dessen Wohlwollen man abhängig ist und dessen Fürsorge man bedarf, sondern als Spielgefährten, dem man auf gleicher Augenhöhe begegnet und dessen geheimnisvolle Unsichtbarkeit für Erwachsene ihn zum natürlichen Verbündeten der eigenen, kindlichen Partei macht. Jenseits des Schabernacks unsichtbarer Püffe und polternder nächtlicher Ruhestörungen, jenseits des Schreckens und Grauens, mit dem der Anblick des Klabautermanns für den abergläubischen Seemann, dem es den sicheren Tod verhieß, verbunden war, bricht hier eine gleichberechtigte Kommunikation sich Bahn, in der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein symmetrisches Nebeneinander von Geist und Mensch manifest wird. (...) So sprießt aus dem scheinbar verseuchten, versiegelten, erodierenden Boden eines Zeitalters ökologischer Krisen unbemerkt der Keim eines unbefangenen, herrschaftsfreien Dialogs, der den Menschen nicht zurück, sondern allererst hin zu einem geistreichen Einklang mit der Natur, zum gleichschwingenden Wohlklang also im befruchtenden Austausch mit ihren Geistern, zu führen vermag (...)“.

Die wissenschaftliche Klabautermannkunde ist eine noch recht junge, interdisziplinäre Forschungsrichtung, die von dem Baumphilologen Professor Mingau — einem entfernten Verwandten des Autors dieser Website — und dem Fontänologen Dr. Kienpsan — siehe auch unter Brunnentour — begründet wurde.

Maßgeblich für eine Neuausrichtung der Klabautermannforschung, die zuvor lediglich als wenig profiliertes Randgebiet der Nord- und Niederdeutschen Volkskunde, der Kultur- und Religionsgeschichte, der Germanistik oder der Vergleichenden Mythologie betrachtet worden war, war das Privileg der persönlichen Bekanntschaft dieser beiden Wissenschaftler mit dem Klabautermann.

Auf der Grundlage mehrjähriger, akribisch dokumentierter Interviews mit dem Klabautermann rekonstruierten Professor Mingau und Dr. Kienspan den Lebenslauf des Klabautermanns von der Antike bis zur Gegenwart. Darüber hinaus gelangten sie zu einer Fülle neuer Informationen, aus denen sie umfassende Hypothesen zur Erklärung Unsichtbarkeit des Klabautermanns für Erwachsene bzw. seiner Sichtbarkeit für Kinder und schließlich zu seiner Kommunikation durch Rumpeln und Poltern ableiteten, welche in ihrem bisher unveröffentlichten Hauptwerk Grundrisse einer Theorie des Polterns erstmals zusammenhängend dargelegt werden.

Klabautermannkundliche

Literatur

Alte Handschrift mit Schiffsskizze

The poem below is the first of four parts of “The Musician’s Tale: The Ballad of Carmilhan”, which in turn forms part of the cycle Tales of a Wayside Inn, Part second, first published in 1863. In just a few romantic yet concise verses, Henry Wadsworth Longfellow presents the main themes and motifs of the oral and written tradition surrounding Klabautermann.

I'm glad to have found such a classic English summary of my subject, so if your knowledge of German is rather basic, and by some strange coincidence you have still come to my website, please enjoy reading this short literary introduction to Klabautermannkunde (Klabautermann Studies).

The Ballad of Carmilhan

At Stralsund, by the Baltic Sea,
Within the sandy bar,
At sunset of a summer's day,
Ready for sea, at anchor lay
The good ship Valdemar.
The sunbeams danced upon the waves,
And played along her side;
And through the cabin windows streamed
In ripples of golden light, that seemed
The ripple of the tide.
There sat the captain with his friends,
Old skippers brown and hale,
Who smoked and grumbled o'er their grog,
And talked of iceberg and of fog,
Of calm and storm and gale.
And one was spinning a sailor's yarn
About Klaboterman,
The Kobold of the sea; a spright
Invisible to mortal sight,
Who o'er the rigging ran.
Sometimes he hammered in the hold,
Sometimes upon the mast,
Sometimes abeam, sometimes abaft,
Or at the bows he sang and laughed,
And made all tight and fast.
He helped the sailors at their work,
And toiled with jovial din;
He helped them hoist and reef the sails,
He helped them stow the casks and bales,
And heave the anchor in.
But woe unto the lazy louts,
The idlers of the crew;
Them to torment was his delight,
And worry them by day and night,
And pinch them black and blue.
And woe to him whose mortal eyes
Klaboterman behold.
It is a certain sign of death!
The cabin-boy here held his breath,
He felt his blood run cold.

(Longfellow, Henry Wadsworth, "The Musician's Tale; The Ballad of Carmilhan". Henry Wadsworth Longfellow [online resource], Maine Historical Society, Accessed April 6, 2014. www.hwlongfellow.org/poems_poem.php?pid=2056)

In part four of the poem, “Klaboterman” reappears, this time on board the ghost ship Carmilhan. Longfellow seems to mix the story of Klabautermann with another famous sailors’ legend, the Flying Dutchman. If you would like to read more, you can follow the link above to the Maine Historical Society website on Longfellow.